Vier neue Nadzikambia-Arten in Mosambik

Vier neue Nadzikambia-Arten in Mosambik

Neubeschreibungen Wissenschaft

Das South East Africa Montane Archipelago (SEAMA) erstreckt sich quer über den Norden Mosambiks und bis ins südliche Malawi hinein. Es handelt sich dabei um eine Kette rund 30 sogenannter Inselberge, die durch Täler völlig voneinander isoliert liegen. Sie sind seit Längerem bekannt als Hot Spots der Artenvielfalt. Über Jahrzehnte war es auf Grund anhaltender Unruhen schwierig, die Inselberge herpetologisch zu erkunden. Und als schließlich die Möglichkeit wieder bestand, fand man prompt neue Chamäleon-Arten – je eine auf jedem der bisher untersuchten Inselberge. Inzwischen wurden die neuen Arten genetisch und morphologisch untersucht. Vier neue Nadzikambia-Arten wurden dabei beschrieben.

Nadzikambia franklinae erhielt seinen Namen zu Ehren der britischen Biochemikerin Rosalind Franklin. Die Art kommt in den Feuchtwäldern Mahno und Ukalini auf dem Mount Namuli in Mosambik vor. Sie wurde bisher auf Höhen zwischen 1618 und 1632 m gefunden. Die Männchen tragen einen höheren und runderen Helm mit glatteren Schuppenkämmen als andere Nadzikambia-Arten. Die drei verbliebenen Lebensräume der Art sind nur je rund 0,67 km² groß und massiv von der Gewinnung von Flächen für kleinbäuerliche Landwirtschaft, wie Mais- und Kartoffelanbau, bedroht.

Nadzikambia goodallae wurde nach der kürzlich verstorbenen Schimpansenforscherin Jane Goodall benannt. Die Art lebt im Feuchtwald am Westhang des Mount Ribáuè in Mosambik.  Sie wurde bisher auf eng begrenzten Höhen zwischen 1052 und 1142 m entdeckt. Auch diese Art wird sehr stark von Brandrodung und Abholzung ihres Lebensraumes bedroht. Nur noch 4,8 km² Waldfläche sind aktuell übrig. Die Männchen von Nadzikambia goodallae tragen einen flachen, breiten Helm mit rauen Schuppen.

Nadzikambia evanescens wurde benannt nach dem lateinischen Wort für Vergänglichkeit. Es soll auf den extremen Bedrohungsstatus der Art hinweisen. Die Chamäleonart kommt nur noch in einem einzigen Feuchtwaldfragment auf dem Mount Inago in Mosambik vor. Allein seit 2009 wurden 85% der damals vorhandenen Waldfläche gerodet. Aktuell sind gerade einmal 2,3 km² noch vorhanden. Der kleine Lebensraum liegt auf 1235 bis 1281 m. Die Männchen der Art tragen einen hohen, runden Helm mit glatten Schuppenkämmen.

Nadzikambia nubila wurde benannt nach dem lateinischen Wort für Wolken. Ihr Lebensraum, der Mount Chaperone, sorgt für mit seinen umgebenden Wolkenformationen den für das Überleben der Region notwendigen Niederschlag. Von Nadzikambia nubila sind bisher nur Weibchen bekannt, Männchen hat man noch keine gefunden. Die Chamäleons bewohnen Feuchtwald in Höhen zwischen 1017 und 1053 m, wobei sich die vorhandene Waldfläche seit 2009 vor allem durch Brandrodung und Abholzung mehr als halbiert hat. Aktuell sind gerade einmal 7 km² noch vorhanden. Zusätzlich scheinen sich die höchsten Lagen des Mount Chaperone, die weniger von menschlichem Zutun bedroht sind, von geschlossenen Waldflächen zu mehr Granitflächen zu wandeln. Die Autoren vermuten, dass dies auf den Klimawandel zurückgehen könnte.

Die bereits bekannte Art Nadzikambia mlanjensis steht leider in Sachen Bedrohung den neuen Arten in nichts nach. Und das, obwohl sie auf Höhen zwischen 600 und fast 2000 m vorkommt, womit sie deutlich variablere Lebensräume bewohnt. Die vor Jahrzehnten auf dem Mount Mlanje in Malawi geschlossene Waldfläche besteht heute nur noch aus winzigen, voneinander isolierten Waldfragmenten. Insgesamt sind vielleicht noch 12 km² übrig, der Rest wurde bereits abgeholzt. Auch vom Ruo Gorge Forest, dem ersten Fundort der Art, ist nicht mehr viel über. Ob Nadzikambia mlanjensis auch auf dem nahe gelegenen Mount Mchese vorkommt, ist noch ungeklärt.

Etwas besser scheint es noch die sechste und letzte Art der Gattung getroffen zu haben, Nadzikambia baylissi. Die Art kommt in Feuchtwäldern zwischen 1000 und 1400 m auf dem Mount Mabu in Mosambik vor. Hier ist der Wald noch weitestgehend intakt, auch wenn die Waldränder mit Brandrodung zu kämpfen haben. Ob die angenommenen 48 km² Lebensraum für diese Chamäleonart noch aktuell sind, ist jedoch nicht vollständig geklärt.

Sky islands of Mozambique harbour cryptic species of chameleons: Description of four new species of sylvan chameleons (Squamat: Chamaeleonidae: Nadzikambia Tilbury, Tolley & Branch, 2006)
Krystal A. Tolley, Werner Conradie
Vertebrate Zoology 76, 2026: 207-246
DOI: 10.3897/vz.76.e178403
Kostenloser Download des Artikels

Fotos: Von links oben nach rechts unten Nadzikambia franklinae, Nadzikambia goodallae, Nadzikambia avanescens und Nadzikambia nubila

[:de]Vergleich von Beckengürteln verschiedener Chamäleons[:en]Comparison of pelvic girdles in chameleons[:]

[:de]Vergleich von Beckengürteln verschiedener Chamäleons[:en]Comparison of pelvic girdles in chameleons[:]

Wissenschaft

[:de]

Die Anatomie der Chamäleons ist stark an ihre Lebensweise angepasst. Baumbewohner unterscheiden sich dabei in vielen Aspekten von Bodenbewohnern. Der Beckengürtel ist anatomisch bei Chamäleons bisher wenig untersucht – eine Veröffentlichung aus den USA beschäftigt sich nun eingehender damit.

Zur Untersuchung wurden aus bereits vorhandenen Mikrocomputertomographie-Scans von insgesamt 22 Chamäleons jeweils die Beckengürtel isoliert in 3D dargestellt. Diese wurden mittels einer Software auf 16 verschiedene Längen und Winkel vermessen. Archaius tigris, Bradypodion damaranum, Calumma gallus, Calumma parsonii parsonii, Chamaeleo zeylanicus, Furcifer balteatus, Kinyongia matschiei, Kinyongia tavetana, Nadzikambia mlanjense und Trioceros quadricornis gracilior wurden den Baumbewohnern zugeteilt. Brookesia brygooi, Chamaeleo namaquensis, Palleon nasus nasus, Rhampholeon temporalis und Rieppeleon brachyurus wurden den Boden bewohnenden Arten zugeschrieben. Die Arten Bradypodion occidentale, Brookesia ebenaui, Chamaeleo anchietae, Furcifer campani, Rhampholeon spinosus, Rieppeleon kerstenii kerstenii und Trioceros goetzei goetzei wurden als semiarboreal eingestuft. Es wurden vorwiegend Männchen untersucht.

Die Auswertung ergab wie erwartet, dass Baum bewohnende Chamäleons schmalere, kürzere Hüftgürtel aufwiesen als Boden bewohnende. Der schmalere Beckengürtel vereinfacht es, sich hinter Ästen verstecken und den Körper maximal abflachen zu können. Außerdem sorgt er dafür, dass der Körperschwerpunkt näher am Ast ist und erhöht so die Stabilität beim Klettern. Boden bewohnende Chamäleons dagegen wiesen größere und breitere Beckengürtel auf. Diese ermöglichen ihnen eine schnellere Schrittfolge und höhere Stabilität beim Laufen auf Bodenflächen.

How phylogeny and arboreality affect pelvic girdle anatomy of chameleons
Dakota J. John
Honors Thesis 299 der Universität von South Dakota, 2023
DOI: nicht vorhanden[:en]

The anatomy of chameleons is strongly adapted to their way of life. Tree-dwellers differ in many aspects from ground-dwellers. The pelvic girdle has been little studied anatomically in chameleons so far – a publication from the USA now deals with it in more detail.

For the study, the pelvic girdles of 22 chameleons were isolated from existing microcomputer tomography scans and displayed in 3D. These were measured to 16 different lengths and angles using software. Archaius tigris, Bradypodion damaranum, Calumma gallus, Calumma parsonii parsonii, Chamaeleo zeylanicus, Furcifer balteatus, Kinyongia matschiei, Kinyongia tavetana, Nadzikambia mlanjense and Trioceros quadricornis gracilior were assigned to tree dwellers. Brookesia brygooi, Chamaeleo namaquensis, Palleon nasus nasus, Rhampholeon temporalis and Rieppeleon brachyurus were attributed to ground-dwelling species. The species Bradypodion occidentale, Brookesia ebenaui, Chamaeleo anchietae, Furcifer campani, Rhampholeon spinosus, Rieppeleon kerstenii kerstenii and Trioceros goetzei goetzei were classified as semiarboreal. Mainly males were examined.

As expected, the evaluation showed that tree-dwelling chameleons had narrower, shorter girdles than ground-dwelling ones. The narrower pelvic girdle makes it easier to hide behind branches and flatten the body to the maximum. It also ensures that the body’s centre of gravity is closer to the branch and thus increases stability when climbing. Ground-dwelling chameleons, on the other hand, had larger and wider pelvic girdles. These allow them to step more quickly and provide greater stability when walking on ground surfaces.

How phylogeny and arboreality affect pelvic girdle anatomy of chameleons
Dakota J. John
Honors Thesis 299, University of South Dakota, 2023
DOI: none

 [:]