Sechs neue Rhampholeon-Arten in Tansania

Sechs neue Rhampholeon-Arten in Tansania

Neubeschreibungen Wissenschaft

In den letzten 15 Jahren hat sich die Zahl der bekannten Rhampholeon-Arten verdoppelt – nicht zuletzt, weil sich in einigen Artkomplexe zahlreiche unbeschriebene Arten „versteckten“. Genau einen solchen Fall beleuchteten nun Wissenschaftler aus Großbritannien, Tansania und Südafrika: Den Rhampholeon uluguruensis/moyeri-Komplex. Die Erdchamäleons aus diesem Komplex bewohnen verschiedenen Lebensräume in den Eastern Arc Mountains, einer 600 km langen Gebirgskette, die von Kenia bis nach Tansania reicht. Bei der Gattung Rhampholeon ist bisher vor allem auffällig, dass die beschriebenen Arten sich äußerlich nur wenig unterscheiden, jedoch in eng begrenzten, voneinander meist völlig isolierten Lebensräumen vorkommen. Die Autoren untersuchten Erdchamäleons von sieben verschiedenen Orten in Tansania. Dabei konnten sie mittels genetischer Untersuchungen gleich sechs neue Rhampholeon-Arten ausmachen.

Rhampholeon colemani wurde benannt nach dem Artenschützer Carter Coleman. Die Art kommt im Kitolomero-Tal auf rund 1200 m üNN vor. Das Tal liegt im Uzungwa Scarp Nature Reserve in den Udzungwa Bergen mitten in Tansania, rund 350 km südöstlich der Hauptstadt Dodoma. Besonders an diesem Verbreitungsgebiet ist, dass in diesem Reservat ebenfalls das schon bekannte Rhampholeon moyeri vorkommt. Unklar ist noch, ob die beiden Arten möglicherweise auf unterschiedlichen Höhenstufen leben. Rhampholeon colemani wird bis zu 44 mm (TL) groß und ist damit das zweitkleinste der bisher beschriebenen Rhampholeon-Arten. Die Hemipenes der Männchen dieser Arten konnten ausführlich beschrieben werden. Ein charakteristisches Merkmal von Rhampholeon colemani ist der Nasenfortsatz, der in einem Winkel von bis zu 59°C zur Schnauze steht bzw. etwas nach unten zeigt. Bei allen anderen Erdchamäleons der Gattung ist der Winkel deutlich geringer, der Nasenfortsatz steht also eher gerade ab.

Rhampholeon sabini erhielt seinen Namen zu Ehren Andy Sabin für finanzielle Unterstützung und weltweitem Engagement im Umweltschutz. Die Art lebt in Tansania im submontanen Regenwald zweier benachbarter Reservate, die im Nordosten des Landes rund 250 km von der Küstenstadt Daressalaam liegen. Einer der Lebensräume ist das Nguu North Forest Reserve, das andere das Kilindi Forest Reserve, beide auf gut 1200 m üNN. Rhampholeon sabini wird bis zu 54 mm groß, wobei die relative Größe von Kopf und Schwanz im Verhältnis zum übrigen Körper größer als bei den anderen Arten erscheinen.

Rhampholeon rubeho kommt auf den gleichnamigen Bergen, den Rubeho Mountains, auf rund 1870 m üNN vor, die sich rund 150 km östlich der Hauptstadt Dodoma befinden. Der von dieser Art bewohnte Regenwald liegt vorwiegend im Mafwomero Forest Reserve. Rhampholeon rubeho wird bis zu 63 mm lang. Zusätzlich zählen die Wissenschaftler derzeit eine Population von Erdchamäleons im Ilole Forest Reserve in 50 km Entfernung, am südlichen Ausläufer der Rubeho Mountains, zu dieser Art. Diese Population ist jedoch genetisch noch nicht untersucht.

Rhampholeon nicolai wurde benannt nach dem verstorbenen Nicola Colangelo, einem Unternehmer aus Tansania, der sich für den Artenschutz und nachhaltige Ressourcennutzung einsetzte. Rhampholeon nicolai wird bis zu 60 mm lang, wobei ähnlich wie bei R. sabini die relative Größe von Kopf und Schwanz im Verhältnis zum übrigen Körper größer als bei den anderen Arten erscheint. Rhampholeon nicolai lebt auf den Ukaguru Mountains, die sich nur wenig nördlich der Rubeho Mountains befinden. Es wurde in den drei aneinander liegenden Schutzgebieten Mamiwa Kisara North Forest Reserve, Mamiwa Kisara South Forest Reserve und dem Ikwamba Forest Reserve auf 1970 m Höhe nachgewiesen. Eine Population von Erdchamäleons im nahen Mikuvi Forest wird zunächst zur Art gezählt, ihr genauer Status muss jedoch noch untersucht werden.

Rhampholeon waynelotteri bekam seinen Namen zu Ehren des ermordeten südafrikanischen Naturschutzaktivisten Wayne Lotter, der sich vor allem im Kampf gegen die Wilderei von Elefanten engagierte. Dieses Erdchamäleon wird bis zu 55 m groß. Es bewohnt den Mount Kanga, etwa 120 km von der Küste des Indischen Ozeans entfernt. Mount Kanga zählt zu den Nguru Mountains, obwohl der Berg vom Hauptmassiv durch einen 8 km breiten Tieflandkorridor und einen Fluss getrennt ist. Rhampholeon waynelotteri ist vom Kanga Forest Reserve auf etwa 1280 m Höhe sowie de Mkingu Nature Reserve beschrieben. Im Letzteren kommt es gemeinsam mit Rhampholeon acuminatus vor, von dem es aber durch seinen anders geformten Nasenfortsatz sowie kleine Fortsätze über den Augen gut unterschieden werden kann. Eine Erdchamäleon-Population auf dem Mount Nguru wurde zunächst Rhampholeon waynelotteri zugeschrieben, weitere Forschung steht jedoch noch aus.

Rhampholeon princeeai wurde benannt nach dem amerikanischen Künstler und YouTuber Prince Ea. Rhampholein princeeai lebt auf Höhen von 1870 m im Mkingu Nature Reserve auf den Nguru Bergen. Dort kommen auch Rhampholeon waynelotteri und Rhampholeon acuminatus vor. Die Art wird bis zu 46 mm lang und hat eine Besonderheit: Der Nasenfortsatz weist, von oben betrachtet, eine dreieckige Form auf. Außerdem hat die Art eine kleine Vertiefung in der Leistengegend, die die anderen bisher untersuchten Arten nicht aufweisen.

Die bereits bekannte Art Rhampholeon uluguruensis wurde ausschließlich im namensgebenden Uluguru Nature Reserve und dem Mkungwe Forest Reserve gefunden. Rhampholeon moyeri kommt lediglich im Uzungwa Scarp Nature Reserve in den Udzungwa Bergen vor. Rhampholeon beraduccii ist auf das Sali Forest Reserve in den Mahenge Bergen begrenzt und Rhampholeon acuminatus, wie schon vorweggenommen, lebt ausschließlich im Mingu Nature Reserve in den Nguru Bergen.

Cryptic diversity in pygmy chameleons (Chamaeleonidae: Rhampholeon) of the Eastern Arc Mountains of Tanzania, with description of six new species
Michelle Menegon, John V. Lyakurwa, Simon P. Loader, Krystal A. Tolley
Acta Herpetologica 17 (2): 85-113, 2022
DOI: 10.36253/a_h-12978

Foto: Rhampholeon rubeho, aus der oben genannten Publikation

Das Indische Chamäleon in Jhalawar

Das Indische Chamäleon in Jhalawar

Wissenschaft

Drei Wissenschaftler aus Indien haben kürzlich eine Übersicht zu Reptilien- und Amphibienvorkommen veröffentlicht. Das Studiengebiet Jhalawar liegt am südlichsten Zipfel des Bundesstaates Rajasthan im Nordwesten Indiens. Es befindet sich am Rande des Malwa-Plateaus, einem vulkanischem Hochland. Das Gebiet liegt deutlich südwestlich des Flusses Ganges, der allgemein als Verbreitungsgrenze des Indischen Chamäleons (Chamaeleo zeylanicus) betrachtet wird. Das Klima teilt sich in eine lange Sommerzeit und einen kürzeren Winter, der von Oktober bis Februar reicht. Während des Sommers sind Temperaturen über 45°C häufig, während die Temperaturen im Winter bis auf 1°C fallen können.

Die drei Forscher befanden sich an 70 Tagen jeweils rund sechs Stunden vor Ort. Zur Reptilien- und Amphibiensuche wurde lose Erde sowie die Laubschicht durchstöbert und parallel visuell nach Tieren gesucht. 45 verschiedene Arten von Reptilien und Amphibien konnten nachgewiesen werden. Chamaeleo zeylanicus wurde dabei zum ersten Mal in Rajasthan dokumentiert.

Herpeto-faunal diversity study: Analysis and critical observations from south-eastern Rajasthan, India
Yadav Vijay Kumar, Nama Krishnendra Singh, Sudhindran Rimal
Indian Journal of Ecology 49 (5), 2022: pp. 1581-1587
DOI: 10.55362/IJE/2022/3700

Genetik: Karyotyp beim Jemenchamäleon

Genetik: Karyotyp beim Jemenchamäleon

Wissenschaft

Dass das Geschlecht beim Jemenchamäleon (Chamaeleo calyptratus) genetisch festgelegt wird, ist schon länger bekannt. Die Art verfügt über ein XX-/XY-System. Wissenschaftler aus Russland, Großbritannien, Italien und Thailand haben sich nun mit dem Karyotyp der Art beschäftigt, also den Eigenschaften der Chromosomen.

Der wahrscheinlich ursprünglichste Karyotyp aller Chamäleons ist 2n= 36. Dabei hatte dieses „Urchamäleon“ sechs Paare metazentrischer Makrochromosomen und zwölf Paare Mikrochromosomen, besonders kleine Chromosomen. Das Jemenchamäleon dagegen hat eine geringere Chromosomenzahl, nämlich nur 2n=24. Mittels verschiedener genetischer Untersuchungsmethoden fanden die Forscher in der vorliegenden Studie heraus, dass dieser Karyotyp wahrscheinlich durch Fusionen entstand. Dabei verschmolzen offenbar zwei Mal Mikrochromosomen miteinander, und gleich vier Mal fusionierten Mikro- und Makrochromosomen. Letzteres, die sogenannte heterogene Fusion zwischen unterschiedlich großen Chromosomen, ist ungewöhnlich für Wirbeltiere. Normalerweise liegen Makro- und Mikrochromosomen an verschiedenen Plätzen im Zellkern und werden unterschiedlich schnell transkribiert und repliziert. Das Phänomen ist aber schon von Alligatoren und Schildkröten bekannt – für Chamäleons ist es neu.

Unklar war bisher auch, welches Chromosomenpaar beim Jemenchamäleon eigentlich für das Geschlecht zuständig ist. Bei Chamaeleo chamaeleon codiert das zweitgrößte Chromosomenpaar für das Geschlecht. Erste Mutmaßungen legen jedoch nahe, dass beim Jemenchamäleon stattdessen das fünfte Chromosomenpaar (CCA5) das Geschlechtschromosomenpaar sein könnte. Die Vermutung muss durch weitere Forschung noch validiert werden. Es steht außerdem noch zur Diskussion, welches Gen eigentlich vorwiegend für die Entwicklung der Geschlechtsorgane im Embryo verantwortlich ist – die Forschere identifizierten mindestens drei in Frage kommende Gene auf CCA5.

Identification of Iguania ancestral syntenic blocks and putative sex chromosomes in the Veiled Chameleon (Chamaeleo calyptratus, Chamaeleonidae, Iguania)
Katerina V. Tishakova, Dmitry Yu. Prokopov, Guzel I. Davletshina, Alexander V. Rumyantsev, Patricia C. M. O’Brien, Malcolm A. Ferguson-Smith, Massimo Giovannotti, Artem P. Lisachov, Vladimir A. Trifonov
International Journal of Molecular Sciences 23, Dezember 2022
DOI: 10.3390/ijms232415838

 

Rhampholeon spectrum – nicht nur eine Art?

Rhampholeon spectrum – nicht nur eine Art?

Wissenschaft

Die Erdchamäleon-Gattung Rhampholeon kommt vor allem in Ostafrika vor. Rhampholeon viridis, Rhampholeon spinosus und Rhampholeon temporalis leben dabei jeweils in klar begrenzten und voneinander isolierten Gebieten Tansanias. Rhampholeon spectrum scheint jedoch bisher das völlige Gegenteil zu sein: Die Art verfügt über ein enormes Verbreitungsgebiet im Westen Afrikas. Es reicht von der Elfenbeinküste über Ghana, Togo, Benin nach Nigeria und bis an die Randgebiete von Niger und Chad, dann weiter über Kamerun, Äquatorialguinea und Gabun bis hinein in die zentralafrikanische Republik sowie in die demokratische Republik Kongo und die Republik Kongo (Kongo-Brazzaville). Forscher aus den USA und Kamerun haben nun genetisch untersucht, was hinter der weiten Verbreitung steckt.

Untersucht wurden Proben von einer Insel am nördlichsten Zipfel Äquatorialguineas, mehreren Bergen in Kamerun sowie Proben aus zwei Gebieten in Gabun. Zum Erstaunen der Forscher stellte sich heraus, dass Rhampoleon spectrum keineswegs überall genetisch gleich ist. Aus den Proben konnten zwei Kladen identifiziert werden: Eine im Tiefland und eine montane, bei denen die Chamäleons ausschließlich über 700 m üNN vorkommen. Insgesamt fünf genetisch verschiedene Populationen wurden identifiziert, von denen mehrere möglicherweise neue, noch unbeschriebene Chamäleonarten darstellen könnten.

Zur Tiefland-Klade gehört zum einen die Population in Gabun, beprobt wurden hier Chamäleons aus dem Ivindo Nationalpark und Tiere in einem Gebiet nahe der Stadt Mekambo. Die zweite Population der Tiefland-Klade kommt auf niedrigen Höhen des Mount Korup vor, einem Berg vulkanischen Ursprungs Der Mount Korup liegt im gleichnamigen geschützten Nationalpark in Kamerun an der Grenze zu Nigeria.

Zur Montan-Klade von Rhampholeon spectrum zählen drei Populationen. Eine Population kommt auf dem Mount Biao auf der Insel Bioko vor, die zu Äquatorialguinea gehört. Eine zweite Population findet sich auf dem Mount Cameroon, einem aktiven Vulkan im Westen Kameruns unweit des Golfes von Guinea. Vom Mount Cameroon stammt das Typusexemplar von Rhampholeon spectrum. Der bei der Erstbeschreibung genannte Fundort, Mapanja, liegt dabei nur wenige Kilometer von einem der Orte entfernt, an denen in der vorliegenden Studie Individuen entnommen wurden. Es handelt sich bei dieser Population also wahrscheinlich um die „echten“ Rhampholeon spectrum, die sogenannte topotypische Gruppe. Die dritte Population der Montanklade ist auf drei benachbarten Bergen in Kamerun beheimatet: Dem Mount Kupe, dem Mount Mangengouba und dem Mount Nlonako. Alle drei gehören mit dem Mount Cameroon und dem Mount Biao zur sogenannten Kamerunlinie, einer Gebirgskette vulkanischen Urpsrungs, die sich an der Grenze zwischen Kamerun und Nigera vom Meer bis zum Tschadsee erstreckt.    

Die Forscher beschäftigen sich außerdem mit der Frage, wie sich die verschiedenen Populationen entwickelt haben könnten. Die Trennung zwischen Rhampoleon spectrum und den Erdchamäleons in Tansania lässt sich ins späte Eozän vor rund 40 Millionen Jahren datieren. In dieser Zeit lösten sich die bis dahin zusammenhängenden Regenwälder in West-, Zentral- und Ostafrika in kleinere, teils isolierte Fragmente auf. Die Rhampoleon spectrum Klade teilte sich dann im Miozän vor rund 11,1 Millionen Jahre in die Tiefland- und Montanpopulationen. Im Miozän führten tektonische Bewegungen zur Erhebung einer niedrigen Gebirgskette, die von Südkamerun bis in den Süden der Republik Kongo reichte. Flüsse, Wüsten und andere geografische Barrieren veränderten sich. Etwas später, vor rund 9,3 Millionen Jahren, spaltete sich die Population auf der Insel Bioko ab. Die Erdchamäleons der Insel sind damit älter als die Insel selbst – die Forscher erklären dieses Phänomen damit, dass die Insel früher über eine Landbrücke mit dem Festland Afrikas verbunden gewesen sein muss. Die Chamäleons hätten also die Insel kolonialisiert, hätten eine Heimat auf dem Berg gefunden und wären erst dann vom Festland isoliert worden. Die genetisch identische Population auf dem Festland konnte allerdings nicht gefunden werden – die Forscher halten sie für ausgestorben. Im späten Miozän, vor rund 6,9 Millionen Jahren, entstanden die Populationen auf Mount Korup und in Gabun. Erst am Übergang vom Miozän ins Pleistozän, vor 5,2 Millionen Jahren, entstanden dann die Populationen auf dem Mount Cameroon und Mount Kupe.

Weiterführende Forschung zu diesem Thema wird zeigen, ob sich tatsächlich neue Arten unter dem Namen Rhampholeon spectrum verstecken – die Chancen dafür stehen gut. Interessant wären auch Untersuchungen zu Populationen der Art, die in dieser Studie keine Erwähnung finden. Denn natürlich könnten auch die Rhampholeon spectrum aus Süd- und Ostkamerun, kontinentalem Äquatorialguinea, Südgabun und dem Kongo weitere, eigenständige Populationen sein. Es bleibt also spannend!

Diversification and historical demography of Rhampholeon spectrum in West-Central Africa
Walter Paulin Tapondjou Nkonmeneck, Kaitlin E. Allen, Paul M. Hime, Kristen N. Knipp, Marina M. Kameni, Arnaud M. Tchassem, LeGrand N. Gonwouo, Rafe M. Brown
PLOS One, Dezember 2022
DOI: 10.1371/journal.pone.0277107

Fossile Funde von Chamaeleo chamaeleon in Marokko

Fossile Funde von Chamaeleo chamaeleon in Marokko

Wissenschaft

Aus Marokko gibt es bisher nur wenige fossile Funde von Reptilien, insbesondere Agama bibronii und Chamaeleo chamaeleon. Ärchologen des Nationalen Instituts für Archäologie und kulturelles Erbe (Institut National des Sciences de l’Archéologie et du Patrimoine, INSAP) in Rabat, Marokko, haben nun eine Übersicht über marrokanische Funde veröffentlicht.

Die Felshöhle von Ifri n’Ammar gehört zum Gebirgszug Rif, der etwa 50 km entfernt von der Nordostküste Marroko verläuft und Teil des Atlasgebirges ist. Ifri n’Ammar liegt in einem Tal südlich der Stadt Afso, an der Grenze zweier Wadis. Seit 1997 werden dort von INSAP und der Deutschen Kommission für Archäologie außereuropäischer Kulturen (KAAK) Ausgrabungen geleitet. Zwei Os präfrontale, zwei Os postorbitofrontale, drei Os maxillare (Oberkiefer), sechs Knochenstücke mit akrodonten Zähnen und drei Wirbel konnten bisher der Familie Chamaeleonidae zugeordnet werden. Die Unterscheidung zu fossilen Überresten von Agamen war dabei recht eindeutig: Agamen haben pleurodonte Zähne im vorderen Bereich des Oberiefers, Chamäleons jedoch akrodonte. Zudem unterscheiden sich Form und Lage der Nasenlöcher. Agamen verfügen außerdem nicht über die für Chamäleons typischen knöcherne Höcker und „Kämme“ auf den Schädelteilen. Da im Maghreb heute ausschießlich Chamaeleo chamaeleo als Vertreter der Chamäleons vorkommt, wurden die Fossilien dieser Art zugeschrieben.

Die Fossilien wurden allesamt in einer Schicht in drei Meter Tiefe gefunden, die der mittleren Steinzeit zugeordnet wird. Die fossilen Überreste sind also zwischen 83.000 und 171.000 Jahre alt, was wesentlich älter ist als die bisher von Chamäleons entdeckten Überreste in Marokko (Tarofalt, Guenfouda) und Algerien (Gueldaman). Die Archäologen gehen davon aus, dass zu dieser Zeit die Umgebung der Fundstelle noch baumbestandenes Gebiet gewesen sein muss.

Fraglich ist zum Teil, wie die Knochenstücke von Ifri n’Ammar an die jetzigen Fundorte gelangt sind. An einigen Knochen wurden Spuren gefunden, die auf Verdauungsvorgänge und damit darauf hindeuten, dass die dazugehörigen Chamäleons als Beutetier verzehrt wurden. Es starben also nicht alle der dort gefundenen Chamäleons eines natürlichen Todes. Als Beutegreifer kämen den Spuren nach Raubvögel und kleine Fleischfresser wie der Gundi (ein nordafrikanisches Nagetier) oder schlicht Ratten in Frage.

Agama bibronii (Sauria: Agamidae) et Chamaeleo chamaeleon (Sauria: Chamaeleonidae) d’Ifri n’Ammar (Rif oriental, Maroc)
Touria Moushine, Fethi Amani, Abdeslam Mikdad
Quaternaire 33 (03), 2022
DOI: 10.4000/quaternaire.16948

Chamaeleo gracilis im Taï National Park (Elfenbeinküste)

Chamaeleo gracilis im Taï National Park (Elfenbeinküste)

Wissenschaft

Über Chamäleons in der Republik Elfenbeinküste ist eher wenig bekannt. Ivorische Biologen haben nun das Vorkommen verschiedener Reptilienarten in einem Nationalpark des Landes bestätigt. Dabei wiesen sie erstmalig Chamaeleo gracilis im Taï National Park nach, was zu seinem bis dato bekannten Verbreitungsgebiet in Westafrika passt.

Der Taï National Park liegt im Südwesten der Elfenbeinküste im Westen Afrikas. Das Klima wechselt vier Mal im Jahr. Von März bis Juni herrscht Regenzeit, im August ist es trocken, im September und Oktober folgt eine zweite Regenzeit und von November bis März die zweite Trockenzeit. 40 jeweils 50 x 50 m große Bereiche wurden untersucht. Davon befanden sich 18 in Primärwald (Regenwald), sieben in Sekundärvegetation mit eher strauchigem und krautigem Bewuchs, fünf in Kaffee- oder Kakaoplantagen, fünf in Gummibaumplantagen und fünf in Reisfeldern. An 40 Tagen befanden sich jeweils drei Forscher über acht Stunden in den abgegrenzten Gebieten und suchten die Umgebung visuell nach Reptilien ab.

Chamaeleo gracilis wurde als einziges Reptil ausschließlich im Regenwald beobachtet. Wie häufig bei Chamäleons wurde ein Weibchen bei der Eiablage am Boden entdeckt. In Sekundärvegetation und Agrarlandschaft konnte die Art nicht nachgewiesen werden.

First record of seven species of lizards in Taï National Park (South West, Côte d’Ivoire)
Kouadio Atta Léonard, Assemian N’guessan Emmanuel, Goly N’guessan Simplice, Keita Gaoussou, Tiédoué Manouhin Roland

International Journal of Zoological and Entomological Letters 2022, 2(2): 36-41
DOI: fehlt

Chamaeleo dilepis in traditioneller südafrikanischer Medizin

Chamaeleo dilepis in traditioneller südafrikanischer Medizin

Wissenschaft

Wissenschaftler der Nordwest-Universtität in Südafrika haben untersucht, welche Reptilien von traditionellen Heiler verwendet werden und wieviel diese über die genutzten Arten tatsächlich wissen. Sie besuchten sechs medizinische Geschäfte und Märkte (Muthi shops/markets) in Polokwane, Pretoria, Johannesburg, Pietermaritzburg und Durban. Es wurden außerdem zwölf traditionelle Heiler besucht, davon je zwei in Limpopo und Gautend und sieben in KwaZulu-Natal. Heiler, die sich zu einem Interview bereit erklärten, wurden zu Art und der von ihnen verwendeten Reptilien befragt. Von 111 zum Verkauf angebotenen Karkassen und Geweberesten (teils nur Knochen mit Fleischresten) wurden Proben zwecks genetischer Untersuchung entnommen.

Von den bisher aus der Literatur bekannten 34 Reptilienarten, die traditionell in der südafrikanischen Medizin Verwendung fanden, konnten neun bestätigt werden. Die Heiler berichteten, dass sie die genutzten Reptilien teils selbst jagten, teils von spezialisierten Jägern kauften. Zum Erstaunen der Forscher fanden auch im Straßenverkehr umgekommene Reptilien („roadkills“) eine Verwendung durch Heiler. Zum Verkauf und der Nutzung wurden die Reptilien konserviert. Fett und innere Organe wurden manuell entfernt. Das Fett wurde in Flaschen aufbewahrt, da es einzeln verkauft werden konnte. Die Organe wurden nicht weiter genutzt. Die Karkassen der Reptilien wurden dann mit Asche und Salz eingerieben und in der Sonne getrocknet. Alle Heiler stimmten darin überein, dass nur selten ganze Karkassen verkauft würden – meist möchten Kunden nur bestimmte Körperteile erwerben, da nur diese für ihre Wirkung bekannt seien.

Vom Lappenchamäleon war bereits bekannt, dass die Art auf traditionellen südafrikanischen Heilermärkten immer mal wieder zu finden ist. Auch in dieser Studie wurden mehrere Chamaeleo dilepis identifiziert, die im isiZulu jedoch lediglich mit einem Überbegriff vermarktet wurden. Unwabu bezeichnet jegliche Arten Chamäleons, nicht speziell C. dilepis. Bei anderen Reptilienarten stimmten die Bezeichnungen der Heiler teils bis auf Artebene mit den identifizierten Arten überein. Allerdings gab es auch etliche falsch identifizierte Proben, bei denen ganz andere Reptilien von den Heilern ausgewiesen waren, als sich in der Genetik herausstellten.

Barcoding and traditional health practitioner perspectives are informative to monitor and conserve frogs and reptiles traded for traditional medicine in urban South Africa
Fortunate Phaka, Edward Netherlands, Maarten van Steenberge, Erik Verheyen, Gontran Sonet, Jean Hugé, Louis du Preez, Maarten Vanhove
Molecular Ecology Resources [Preprint], 2022
DOI: 10.22541/au.166487945.53921162/v1

Entstehung der Artenvielfalt von Chamäleons

Entstehung der Artenvielfalt von Chamäleons

Wissenschaft

Aus früheren Studien weiß man, dass sich die ersten Chamäleons in der späten Kreidezeit, etwa vor 90 Millionen Jahren, auf dem Festland Afrikas entwickelten. Etwa an der Grenze zwischen Kreidezeit und Tertiär, vor rund 65 Millionen Jahren, begannen sich verschiedene Arten zu entwickeln. Unklar ist bis heute, welche Faktoren zur Artenvielfalt beigetragen haben. Zwei Forscher der Swansea Universität in Wales haben nun mit verschiedenen Berechnungsmodellen der Phylogenetik untersucht, was die Diversifikation (die Aufsplittung der Chamäleons in viele verschiedene Arten) beeinflusst haben könnte.

Zum einen untersuchten sie die Diversifikation der Chamäleon-Arten auf Madagaskar. Es gibt evolutionsgeschichtlich zwei Zeitpunkte, an denen sich Chamäleons offenbar übers Meer vom Festland Afrikas nach Madagaskar ausbreiteten. Einer liegt etwa 65 Millionen Jahre in der Vergangenheit, der andere 45 Millionen Jahre. Man könnte nun denken, dass die klimatisch extrem unterschiedlichen Lebensräume auf Madagaskar die Artentwicklung nach der Verbreitung übers Meer sehr schnell vorangetrieben haben könnten. Zur Überraschung der Forscher fand sich jedoch kein Hinweis darauf. Der Artenreichtum an Chamäleons auf Madagaskar muss also daher kommen, dass sich Chamäleons dort schon sehr früh verbreiteten und damit einfach nur sehr viel mehr Zeit hatten, sich zu verschiedenen Arten zu entwickeln, als anderswo.

Des Weiteren untersuchten die Forscher, ob der Wechsel zwischen zwei Ökomorphen – von Boden bewohnenden Stummelschwanzchamäleons zu Baum bewohnenden Chamäleons mit längeren Schwänzen – einen Einfluss auf die Artenvielfalt hatte. Eher überraschend war, dass dies nicht der Fall zu sein schien. Die Entwicklung zu Baumbewohnern mit längeren Schwänzen fand relativ früh zu ein oder zwei Gelegenheiten statt. Es konnten keine Hinweise darauf gefunden werden, dass der Wechsel zwischen Ökomorphen die Diversifizierung beschleunigt hätte. Stattdessen stellte sich heraus, dass Artbildungsraten sich in den letzten 60 Millionen Jahren immer weiter verlangsamten. Nur ein sehr früher Verbreitungsevent der Gattung Bradypodion in Südafrika vor rund 10 Millionen Jahren ging  mit einer doppelt bis vierfachen Artbildungsrate einher.

Als dritten Studienschwerpunkt untersuchten die Forscher die Gattung Bradypodion. Während des Klimawandels im Miozän vor rund 10 Millionen Jahren veränderten sich Südafrika sehr stark. Wälder verschwanden, zurück blieben isolierte Waldlebensräume und dazwischen Savannen, die heute zum Teil  sogenannte Hot Spots der Artenvielfalt sind. In zwei davon, der Cape Floristic Region am südwestlichen Zipfel Südafrikas und Maputuland-Pondoland-Albany an der Ostküste Südafrikas, kommen besonders viele Bradypodion-Arten vor. Jede Art ist dabei auf ein geografisch sehr klar begrenztes Gebiet limitiert. Die Forscher vermuten deshalb, dass sich Bradypodion-Arten tatsächlich unter Einfluss der Lebensraum-Veränderung schneller entwickelt haben. Es ist anzumerken, dass die Diversifikationsrate der Gattung Bradypodion wahrscheinlich eher unterschätzt wird, da noch von etlichen versteckten Arten auszugehen ist.

Diversification dynamics of chameleons (Chamaeleonidae)
Stephen Giles, Kevin Arbuckle
Journal of Zoology, 2022
DOI: 10.1111/jzo.13019

Welche Äste bevorzugt Bradypodion pumilum?

Welche Äste bevorzugt Bradypodion pumilum?

Wissenschaft

Dass die meisten Chamäleonarten sich auf Ästen fortbewegen, ist lange bekannt. Die Forschung darüber, wie und welche Äste sie bevorzugt nutzen, stützt sich bisher jedoch vor allem auf nächtliche Beobachtungen. Nachts sind Chamäleons nämlich einfacher in Büschen und Bäumen zu finden, da sie meist an Astenden schlafen und dabei mit der Taschenlampe gut zu entdecken sind. Über die Astnutzung zur Aktivitätszeit der Chamäleons, nämlich am Tage, ist jedoch eher weniger bekannt. Die Herpetologin Kristal A. Tolley vom Kirstenbosch Research Centre in Kapstadt, Südafrika, hat sich nun in einer Studie damit beschäftigt, welche Astdicken Bradypodion pumilum in der Nacht und am Tage bevorzugt.

Von anderen baumbewohnenden Reptilien ist bekannt, dass sie in der Nacht eher dünnere Äste aufsuchen, am Tage jedoch verschiedene Dicken an Ästen nutzen. Umso überraschender war das Ergebnis der Studie: Bei den untersuchten Bradypodion pumilum unterschieden sich die genutzten Äste weder in Durchmesser noch in der Vielfalt am Tage und in der Nacht. Eine erstaunlich hohe Bandbreite an verschieden dicken Ästen wurde insgesamt genutzt. Einzig mit der Körpergröße wurde ein – prinzipiell logisch erscheinender – Zusammenhang gefunden: Je größer das Chamäleon, desto dicker waren auch die genutzten Äste.


Is it like night and day? Nocturnal versus diurnal perch use by dwarf chameleons (Bradypodion pumilum)
Krystal A. Tolley
African Journal of Herpetology
DOI: 10.1080/21564574.2022.2098392

Chamaeleo chamaeleon in der Türkei

Chamaeleo chamaeleon in der Türkei

Wissenschaft

Das europäische Chamäleon Chamaeleo chamaeleon besiedelt ein Verbreitungsgebiet, das von Nordafrika über den Süden Portugals und Spaniens sowie Zypern und Malta bis in den Libanon, nach Syrien und in die Türkei reicht. Von den Populationen in der Türkei ist bisher aber recht wenig bekannt.

Türkische Biologen haben kürzlich eine erste kleine Studie unternommen, um diesen Zustand zu ändern. Sie untersuchten 29 europäische Chamäleons auf ihre Kopf-Rumpf-Länge und mittels Skeletochronologie auf ihr Alter. 15 davon waren Männchen, 14 Weibchen. Bei den untersuchten Tieren handelt es sich um Museumsexemplare der Dokuz Eylül Universität. Sie wurden in der Umgebung der Lagune von Akyatan zu früheren Zeitpunkten gesammelt. Akyatan liegt im Süden der Türkei direkt am Mittelmeer, rund 200 km von der syrischen Grenze entfernt. Die nächsten größeren türkischen Städte sind Mersin und Adana.

Die durchschnittliche Kopf-Rumpf-Länge der Chamaeleo chamaeleon aus Akyatan lag bei 85,34 mm, wobei Weibchen etwas größer als Männchen waren. Das kleinste Chamäleon maß 59,71 mm, das größte 106,84 mm. Damit scheint die untersuchte Population in Akyatan möglicherweise etwas kleiner zu sein als Vergleichspopulationen in Spanien und Ägypten. Allerdings sind die untersuchten Tierzahlen zu klein, um darüber sichere Aussagen treffen zu können. Das Alter der Tiere lag zwischen zwei und vier Jahren. Die Männchen erreichten die Geschlechtsreife bereits nach der ersten Winterruhe, während die Weibchen die Geschlechtsreife erst im zweiten Lebensjahr erlangten.

Age and body size of the Mediterranean Chameleon, Chamaeleo chamaeleon (Linnaeus 1758) (Lacertilia: Chamaeleonidae) specimens collected from Adana, Türkiye
Elif Yildirim, Nurettin Beşer, Can Yilmaz, Kamil Candan, Yusuf Kumlutaş, Çetin Ilgaz, Elnaz Najafi Majd
Commagene Journal of Biology
DOI: 10.31594/commagene.1104020