Länger im Ei als am Leben

Länger im Ei als am Leben

Internationaler Chamäleontag

Ein Chamäleon, das länger im Ei ist als am Leben? Das gibt es! Natürlich ist es nicht bei jedem Labords Chamäleon (Furcifer labordi) so. Aber tatsächlich handelt es sich dabei um das wahrscheinlich kurzlebigste Chamäleon der Welt. Sie leben im Westen Madagaskars, wo es die meiste Zeit des Jahres sehr heiß und trocken ist. In der kurzen, intensiven Regenzeit schlüpfen die Chamäleons, wachsen in Rekordgeschwindigkeit zum adulten Tier heran, paaren sich sofort und legen schnell Eier, bevor die meisten noch in der gleichen Saison sterben. Das durchschnittliche Labords Chamäleon lebt dadurch nur drei bis fünf Monate! Dagegen liegen die Eier bis zur nächsten Regenzeit zwischen acht und zehn Monaten im Boden. Je nachdem, wie eine Regenzeit im Westen Madagaskars ausfällt, kann es also beim Labords Chamäleon passieren, dass im schlechtesten Fall die gesamte Population dieser Art nur im Ei existiert. Eine faszinierende, aber auch etwas gruselige Vorstellung.

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Foto: Furcifer labordi Männchen, fotografiert von Lennart Hudel, Creative Commons Attribution 4.0 International

Habitat von Furcifer labordi in Andranomena (Madagaskar)

Habitat von Furcifer labordi in Andranomena (Madagaskar)

Wissenschaft

Labordes Chamäleon (Furcifer labordi) ist seit einigen Jahren als kurzlebigstes Chamäleon der Welt bekannt. Drei Wissenschaftler aus Madagaskar haben nun ein bisher relativ unerforschtes Habitat der Art untersucht. Die Studie wurde durchgeführt im Spezialreservat Andranomena, das rund 30 km nördlich der Küstenstadt Morondava im Westen Madagaskars liegt. Das Spezialreservat verfügt über einen nachwachsenden sowie einen relativ intakten Teil Trockenwald, der auf Höhen von Meeresniveau bis 250 m liegt.

Zur Schätzung der Populationsdichte von Furcifer labordi wurde der Wald auf 150 m Breite in je drei Transekte unterteilt. Nachts wurden die Chamäleons dann mit der Taschenlampe gesucht und mit Nagellack farblich markiert. Tags darauf wurden pro Fundort je eine 5 x 5 m große Parzelle um den Fundort selbst sowie mindestens 5 m entfernt entlang der Transektlinie markiert. In allen Parzellen wurde der Deckungsgrad des Baumkronendach in Prozent, die Dicke der Laubschicht am Boden sowie Boden deckender Pflanzen in Zentimetern, die Anzahl der Sträucher bis 1 m, die Anzahl der Bäume über 1 m und die Anzahl gefällter und verbrannter Bäume gezählt. Fünf Tage nach der ersten Zählung wurden nachts erneut Chamäleons gesucht und gezählt. Zusätzlich wurden mittels Lichtfallen Insekten gefangen, gezählt und identifiziert. Außerdem wurden Greifvogel-Beobachtungen (Centropus toulou, Falco newtoni, Buteo brachyperus, Corvus albus und Accipiter francesii) entlang eines 1400 m langen Transekts alle 200 m gezählt. Weitere Prädatoren wie Schlangen (Madagascarophis colubrinus, Leiohterodon modestus, Mimophis mahfalensis, Dromicodryas bernieri) wurden ebenfalls durch Beobachtungen gezählt. Klimadaten  aus dem Stadtgebiet von Morondava wurden aufgenommen.

Statistische Auswertungen ergaben, dass mehr Furcifer labordi in Waldabschnitten vorkamen, in denen das Kronendach dichter sowie die Laubschicht am Boden dicker war und insgesamt mehr Bäume standen. In den Waldteilen, in denen überhaupt keine Chamäleons gefunden waren, wurden deutlich mehr gefällte Bäume gezählt. Wie zu erwarten war, konnten in der Trockenzeit wesentlich weniger Furcifer labordi entdeckt werden als während der Regenzeit. An Insekten wurden zehn verschiedene Familien gefunden, am häufigsten waren Homoptera (vor allem Zikaden), Coeloptera (Käfer), Dermaptera (Ohrwürmer) und Lepidoptera (Schmetterlinge). Die Verfügbarkeit der Insekten schien von Februar bis Mai gleichbleibend. Im Februar wurden mehr Schlangen gezählt als im März, die Anzahl der Greifvögel unterschied sich nicht im gesamten Beobachtungszeitraum.

Die Autoren überlegen, ob die Unterschiede zwischen den von Furcifer labordi bevorzugtem Mikrohabitat und nicht bewohnten Habitaten sich auf die Langlebigkeit der Art auswirken könnte. Eine Kausalität wurde leider nicht nachgewiesen.

Variation longitudinale de longévité de Furcifer labordi et analyse de facteurs à l’origine de sa longue durée de vie dans la reserve spéciale d’Andranomena-Morondava, Madagascar
Ahy Nirindrainiarivony Philibertin Honoré Djadagna, Achille Philippe Raselimanana, Lily-Arison René de Roland
ESI Preprints 18, 2023
DOI: 10.19044/esipreprint.6.2023.p700

Neue Forschung zum Labords Chamäleon in Kirindy, Madagaskar

Neue Forschung zum Labords Chamäleon in Kirindy, Madagaskar

Wissenschaft

Furcifer labordi ist bekannt als das kurzlebigste Chamäleon der Welt. Innerhalb von drei Monaten wachsen diese Tiere vom Schlüpfling zum adulten Chamäleon, verpaaren sich, legen Eier und sterben größtenteils direkt danach. Wissenschaftler der Universtität Göttingen forschten darüber, ob die kurze Lebensdauer einen Einfluss auf die Paarungsstrategie von Furcifer labordi hat.

Studienort war der Trockenwald von Kirindy im Westen Madagaskars. Kirindy liegt rund 60 km nördlich der Küstenstadt Morondava und etwa 20 km vom Meer entfernt in der Region Menabe. In der Regenzeit Anfang 2020 wurden dort 39 Furcifer labordi beiden Geschlechts mit Radio-Transmittern versehen. Gewicht und Körperlänge beim Fund sowie einige andere Werte wurden gemessen, die Schlafhöhe der nachts aufgefundenen Tiere wurde notiert. Danach wurden die Tiere am Fundort ausgesetzt. Im Folgenden machten die Forscher die Chamäleons über mehrere Wochen zwei Mal tagsüber und einmal nachts mittels Telemetrie ausfindig, um GPS-Daten aufzunehmen und Bewegungs- und Verhaltensmuster zu erstellen.

Die Ergebnisse der Studie zeigen, dass weibliche Furcifer labordi in Kirindy sehr standorttreu sind. Sie legen nur kurze Wegstrecken zurück. Im Gegensatz dazu bewegen sich männliche Furcifer labordi wesentlich mehr und über weitere Wegstrecken, so dass in einem Waldabschnitt sieben bis vierzehn Mal mehr Männchen als Weibchen beobachtet werden konnten. Die beobachteten Weibchen paarten sich mit bis zu sechs verschiedenen Männchen – allerdings fanden die Forscher immer wieder nicht markierte Männchen bei den beobachteten Weibchen. Das deutet darauf hin, dass Furcifer labordi tatsächlich eine deutlich höhere Zahl verschiedener Fortpflanzungspartner haben könnte. Die individuell sehr unterschiedliche Körpergröße der Männchen sowie unterschiedlich stark ausgeprägte Nasenfortsätze hatten keine Verbindung zu Bewegungsmustern. Außerdem konnte nachgewiesen werden, dass Furcifer labordi keine Reviere besetzt und verteidigt. Das bedeutet, dass vermutlich die kurze Lebenszeit tatsächlich dazu führt, dass der Wettbewerb um die wenigen vorhandenen Weibchen intensiver – und wie Beobachtungen zeigen auch aggressiver – geführt wird als bei anderen Chamäleonarten. Es handelt sich bei der Studie um die erste Untersuchung des Paarungssystems eines madagassischen Chamäleons.

Sex-specific movement ecology of the shortest-lived tetrapod during the mating season
Lennart Hudel & Peter M. Kappeler

Erschienen in Scientific Reports 12
Open Access (kostenloser Download möglich)
DOI https://doi.org/10.1038/s41598-022-14156-3