Obwohl die Gegend um Maroantsetra im Norden Madagaskars sich größtenteils zum Christentum bekennt, ist der Ahnenkult nach wie vor weit verbreitet. Dazu gehören auch heilige Tiere, Orte, Ver- oder Gebote sowie über Generationen überlieferte Tabus. Ein Theologe hat nun untersucht, was es in der Umgebung des Masoala Nationalparks mit dem sogenannten hiaña auf sich hat.
Er befragte dazu innerhalb dreier Monate 20 Personen im Alter zwischen 12 und über 60 Jahren aus Maroantsetra. Elf männliche und neun weibliche Personen, alle aus der Volksgruppe der Betsimisaraka, nahmen an der Befragung teil. Zusätzlich beobachtete der Theologe Interaktionen mit Chamäleons in und um Maroantsetra.
Die Befragten gaben an, dass Chamäleons in der Gegend bevorzugt amboalava, übersetzt langer Hund, genannt werden. In anderen Regionen Madagaskars werden überwiegend die Begriffe tanalahy und tarondro genutzt, bei den Betsimisaraka aus Maroantsetra finden diese weniger Anwendung.
Unter hiaña verstanden die Befragten eine spirituelle, gottgegebene Kraft, die vor allem Chamäleons, aber auch besonderen Orten innewohnt. In Maroantsetra soll besonders das Pantherchamäleon (Furcifer pardalis) hiaña besitzen, vermutlich weil man es mit am häufigsten antrifft. Andere Befragte gaben an, dass Chamäleons sogar als eine Art moralische Instanz fungieren, durch die die Ahnen die Belange der Lebenden steuern.
Alle Befragten gaben an, dass das Verletzen eines Chamäleons negative Konsequenzen seitens der Ahnen nach sich zöge. Wie diese Konsequenzen allerdings aussehen, unterschied sich erheblich zwischen den Antworten der verschiedenen Personen. Eine Person berichtete, verletzte ein Mensch ein Chamäleon, werde dem Menschen die gleiche Verletzung widerfahren. Das verletzte hiaña müsse ähnlich eines Fluchs sodann durch das Ritual eines traditionellen Heilers wieder kuriert werden. Eine Person erzählte, dass er ein Chamäleon verletzt und danach selbst an starken Schmerzen gelitten habe. Erst, als er das verletzte Chamäleon tötete, hörten die Schmerzen auf. Eine andere Person berichtete, ihr Kind sei nach dem unbeabsichtigten Töten eines Chamäleons selbst verstorben. Es gibt also keine einheitliche Deutung des hiaña, sondern vielmehr individuelle Geschichten, die mit dem hiaña im Nachhinein verwoben und passend gedeutet werden.
Mehrere Befragte gaben an, dass Chamäleons zwar über hiaña verfügten, es einem gläubigen Christen aber nichts anhaben könne, da der christliche Glaube über dem althergebrachten Ahnenkult stehe. Interessanterweise gaben vor allem die jüngeren Menschen in den Interviews an, dass Chamäleons wichtige und eher friedlich gesinnte Lebewesen seien. Sie assoziierten die Tiere nicht negativ mit hiaña. Mehrere Jungen gaben an, bereits ohne negative Konsequenzen mit Chamäleons interagiert zu haben.
Hiaña as a moral-ecological system: Chameleons, sacred potency, and human-animal relations in Maroantsetra, Madagascar
Olivier Randrianjaka
Preprint
DOI: 10.13140/RG.2.2.30826.38088
Kostenloser Download des Artikels
Foto: Furcifer pardalis in Maroantsetra, fotografiert von Alex Negro
